"Brasiliens Biosprit könnte weltweit nicht nur Teil der Lösung für allfällige Klimaprobleme sein – sollten diese tatsächlich so gravierend und sollte die Reduktion von Treibhausgasen der geeignete Lösungsweg sein –, sondern auch das Problem der steigenden Lebensmittelpreise mildern helfen. Würden Länder wie die USA oder jene Europas etwa auf Bioethanol aus Brasilien zurückgreifen, flössen die bisher anderswo für die Herstellung von Biotreibstoffen verwendeten Getreidemengen wieder auf den Nahrungsmittelmarkt und könnten zu einer Entspannung der Preise beitragen. Doch sowohl die Europäische Union als auch die USA haben längst hohe Handelsbarrieren aufgebaut.
Brasilianisches Ethanol wird beim Importieren in die USA mit einem Zoll von $ 0.54 pro Gallone bzw. $ 0.15 pro Liter belegt. Die EU fordert umgerechnet $ 0.19 pro Liter. Zudem wird in den USA und in Europa die eigene Produktion von Agrarkraftstoffen von den Regierungen stark gefördert. Etwa 3,7 Mrd. € haben die Regierungen der EU-Länder im Jahr 2006 als Subventionen für Biotreibstoffe ausgegeben, schätzt die in Genf ansässige Global Subsidies Initiative (GSI) des International Institute for Sustainable Development (IISD). Umgerechnet wird damit jeder in der EU produzierte Liter Bioethanol mit € 0.74 subventioniert. (...)
Die so errichteten Handelsbarrieren haben zu der absurden Situation geführt, dass in den USA nun mehr Ethanol produziert wird als in Brasilien, und das, obwohl das Mais-Ethanol der USA viel teuer ist, eine viel schlechtere Umweltbilanz aufweist und in Ermangelung von Landreserven in direkter Konkurrenz mit dem Anbau von Mais als Nahrungsmittel steht. Angesichts der mächtigen Ethanol- bzw. Mais-Lobby in den USA und in der EU wirkt es mitunter heuchlerisch, wenn Brasiliens Ethanol aus umwelttechnischen oder sozialen Gründen in die Kritik gerät, zumal Brasiliens Zucker – der aus der gleichen Pflanze, nämlich Zuckerrohr, gewonnen wird wie Ethanol – von eben diesen Kritikern seit Jahrzehnten ohne diese Bedenken konsumiert wird. Denn auf der «Zuckerseite» funktionieren die internationalen Märkte: Brasilien ist mit einem Marktanteil von 60% der weltweit grösste Zucker-Exporteur."
[source: Neue Zürcher Zeitung]